10. Der Wunschbrunnen

15. April 2020

Es war der Ostersonntag im Jahr 2020. Wie jedes Jahr, gab es für Frido und Storchi ein leckeres Osterfrühstück mit allen möglichen Leckereien: Rührei, Käse, Wurst, Obst und Gemüse, Marmelade, Honig und was natürlich auch nicht fehlen durfte, war Nutella. Nur eines war anders, es war ein Osterfrühstück ohne die anderen Klassentiere. „Du Frido“, sagte Storchi, „glaubst du, dass der Osterhase in diesem Jahr überhaupt zu uns kommen kann? Wir haben doch Corona  Zeit!“ „Ich weiß es nicht“, sagte Frido, aber ich denke, mit Mundschutz könnte er seine Arbeit erledigen. Vielleicht war er auch schon da? Lass uns doch mal im Garten nachschauen!“ „Au jaaa“, freute sich Storchi, „Ostereiersuchen ist immer wieder ein großes Abenteuer.“

Und tatsächlich! Es dauerte nicht lange, bis die beiden ihr Osterkörbchen fanden. „Boahhh, das sind ja viele Ostereier“, staunte Frido. „Dafür, dass die Welt im Moment still steht, hat der Osterhase ganze Arbeit geleistet. „Und schau mal, was unter den Eiern liegt“, rief Storchi ganz aufgeregt, „ein Seifenblasen-Fläschchen! Frido griff sofort mit seinem Flügel unter die Eier und freute sich riesig: „Ja, ich habe auch ein Seifenblasen-Fläschchen.“

Sie legten ihr Osterkörbchen sofort zur Seite und pusteten so lange Seifenblasen in die Luft, bis die Fläschchen leer waren. Das war vielleicht eine tolle Osterüberraschung. Storchi hatte trotzdem einen traurigen Schnabelausdruck und sagte: „Was wird eigentlich in diesem Jahr aus unserem Osterspaziergang? Normalerweise gehen wir doch immer mit allen Klassentieren eine große Runde spazieren.“ „In diesem Jahr wird alles neu“, sagte Frido. „Wir zwei werden eine viel größere Runde als sonst machen. Und weißt du warum? Weil wir mit unseren Inline Skates losflitzen.“ Daraufhin hüpfte Storchi vor Freude in die Luft.

Sie kramten ihre Inliner heraus, setzten ihren Helm auf und flitzten davon. Nach einiger Zeit rief Storchi: „Siehst du auch diese tolle Blumenwiese? Die habe ich ja noch nie zuvor gesehen!“ „Ich sagte doch, wir machen eine noch viel größere Runde“, rief Frido zurück. „Es hat auch Vorteile, wenn Sina die Schnecke nicht dabei ist. Doch das hörte Storchi schon gar nicht mehr. Auch beim Inlineskaten vergaß sie meistens die Welt um sich herum und flitzte einfach davon. Frido blieb weit hinten zurück und dachte sich: „Hoffentlich geht das nur gut. Warum muss Storchi immer so schnell flitzen? Ich habe solche Angst um sie.“ Er hatte den Gedanken noch gar nicht zu Ende gedacht, da sah er aus der Ferne, wie Storchi über einen großen Stein stolperte und im Straßengraben landete. „OH NEIN“, dachte er und legte selbst den Turbogang ein. Noch während er die Vollbremsung machte, rief er völlig außer Atem: „Geht es dir gut, Liebling?“ „So ein Mist!“, fluchte Storchi. „Wo kommen auch nur diese ganzen Steine her?“

Dank des Helms ist ihr zum Glück nichts passiert. Frido war sehr erleichtert und spürte, wie sein Herz wieder begann, langsamer zu schlagen. Während er Storchi auf die Beine half, sagte er ganz überrascht: „Schau mal, was ist das da vorne zwischen den Felsen?“ „Das ist ein Brunnen“, antwortete Storchi. Sie schauten sich in die Augen und zogen sofort ihre Inliner aus, um auf den Hang bis zu den Felsen klettern zu können. Oben angekommen versuchte Storchi möglichst tief in den Brunnen hineinzuschauen und dachte dabei laut nach: „Was ist, wenn wir es hier mit einem Wunschbrunnen zu tun haben?“ „Mit einem was?“, fragte Frido, während sich sein Schnabel dabei leicht krümmte. Storchi begann zu erzählen: „Wenn man vor einem Wunschbrunnen steht, kann man sich etwas wünschen. Wichtig ist dabei, dass der Wunsch aus tiefstem Herzen kommt. Als Dankeschön schenkt man dem Brunnen dann eine Münze. Bei dem Wort Münze musste Frido an sein Goldstück denken und sagte: „Aber was ist, wenn der Brunnen den Wunsch dann doch nicht erfüllt?“ Storchi erzählte weiter: „Hier ist es ganz wichtig, dass du vertraust. Wie der Wunsch in dein Leben kommt, darüber musst du dir keine Gedanken machen, dafür ist der Brunnen zuständig.“ Das einzige was du machen kannst, ist dankbar zu sein. Du darfst schon jetzt dankbar dafür sein, dass sich der Wunsch erfüllen wird und dich auch so verhalten. Irgendwann wird der Wunsch dann Wirklichkeit werden.“ Frido stand mit geöffnetem Schnabel da und staunte: „Das ist ja großartig! Ich glaube, ich würde das gerne mal mit meinem Goldstück ausprobieren. Nur was wird dann aus deinem Trampolin? Das war doch dein Herzenswunsch.“ „Jetzt verrate ich dir noch etwas“, sagte Storchi und sprach weiter: „Die Anzahl der Wünsche ist unbegrenzt. Du darfst dabei nur nicht vergessen, dass die Wünsche aus deinem Herzen kommen. Und es wird noch besser, du kannst dir auch etwas für andere wünschen, zum Beispiel für mich oder für ein Klassentier, dass du sehr gern hast.“

Jetzt musste Frido nicht mehr überlegen. Voller Freude jubelte er: „Los, lass uns mein Goldstück holen. Sie flitzen nach Hause und kehrten samt Goldstück wieder zum Brunnen zurück. Frido näherte sich dem Brunnen ganz vorsichtig und sagte: „Aber was ist, wenn ich einen wichtigen Herzenswunsch vergesse oder noch gar nicht kenne?“ „Das ist nicht schlimm“, antwortete Storchi, „sobald du das Goldstück an den Brunnen übergeben hast, seid ihr für immer miteinander verbunden und du kannst jederzeit Herzenswünsche an ihn richten. Vielleicht schaffst du es auch nicht sofort, dankbar für etwas zu sein, was du noch gar nicht hast. Dann kannst du den Wunsch wieder und wieder an ihn richten und dich erneut auf den Weg machen. Das mit dem Dankbar-Sein ist nämlich keine einfache Sache.“
Daraufhin legte Frido das Goldstück in den Eimer, der an einem Seil befestigt über dem Brunnen hing. Ganz vorsichtig drehte er an der Kurbel und beförderte dabei das Goldstück in die Tiefe des Brunnens.

Auf dem Rückweg redeten die beiden kein Wort miteinander. Als sie an der Blumenwiese vorbeikamen, pflückte Frido einen Strauß, überreichte ihn Storchi und sagte: „DANKE

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