22. Der Nikolaus

6. Dezember 2020

Es war Anfang Dezember im Jahr 2020. „Du, Frido“, sagte Storchi, „ich bin so traurig.“ „Aber warum denn? Jetzt beginnt doch die zauberhafte Jahreszeit“, entgegnete Frido. „Alles fängt an zu glitzern und zu funkeln. Überall duftet es nach gebrannten Mandeln und Glühwein. Bald ist Weihnachten, das Fest der Liebe. Das ist doch kein Grund, um traurig zu sein.“ „Naja, wenn da nur nicht dieses Virus namens Corona wäre. Hast du das schon wieder vergessen? Wie soll es nach gebrannten Mandeln und Glühwein duften, wenn es keine Weihnachtsmärkte gibt?“ „Nein, ich habe Corona nicht vergessen“, sagte Frido. „Aber kann es sein, dass du unser Motto vergessen hast? Wir wollen doch versuchen, aus allen Situationen das Beste zu machen.“ „Ja, ich weiß, du hast ja recht“, sagte Storchi, „aber die Weihnachtszeit ist meine Lieblingszeit und ich freue mich immer so sehr darauf.“ „In diesem Jahr darfst du dich sogar ganz besonders freuen“, sagte Frido, „und weißt du warum? Weil es ein ganz besonderes Weihnachtsfest wird. Es ist das erste Weihnachten mit unseren Kindern.“ „Das stimmt“, freute sich Storchi, „Corona hin oder her, wir werden uns ein besonderes Weihnachtsfest gestalten, auf unsere ganz eigene Weise“
Und sie ließen damit auch nicht lange auf sich warten. Gemeinsam mit ihren Kindern verwandelten sie den Lieblingsort ihres Hauses in eine duftende Weihnachtsbäckerei. Storchi stellte die wichtigsten Zutaten (Mehl, Butter, Zucker, Eier, Nüsse, Mandeln, Schokolade und Gewürze) bereit, während Frido sich um eine Playlist mit den tollsten Weihnachtsliedern kümmerte. Die Weihnachtsstimmung war perfekt und es wurde ein wundervoller Abend.

In der Nacht träumte Storchi von all den leckeren Plätzchen: Vanillekipferl, Zimtsterne, Spekulatius, Kokosmakronen und feine Nougattaler. Als sie jedoch am frühen Morgen aus ihrem Traum erwachte, schreckte sie auf und rief ganz laut: „Frido, wach auf!“ „Aber was ist denn los? Wir können doch noch eine Weile schlafen.“ „Den wievielten Dezember haben wir heute?“, fragte sie ungeduldig. Frido blinzelte ganz verschlafen auf sein Handy, dann murmelte er: „Heute ist der 5. Dezember.“ „Oh nein, was sind wir nur für Eltern!“ Jetzt saß auch Frido kerzengerade im Bett. Storchi redete weiter: „Wir haben vergessen, unseren Kindern einen Adventskalender zu kaufen! Wir sind fünf Tage zu spät dran!“ Frido blieb ganz ruhig und überlegte: „Zu spät hin oder her, die Kinder werden sich riesig freuen. Und weißt du warum? Weil sie heute fünf Türchen auf einmal öffnen dürfen“ Doch das hörte Storchi schon gar nicht mehr. Sofort rannte sie in den Supermarkt und kaufte drei Adventskalender. Zum Glück bekam sie noch welche.
Zu Hause angekommen, ging sie direkt zu Filo, Fanni und Flori ins Zimmer und weckte sie auf. „Was ist das, Mama?“; fragte Flori. „Das ist ein Adventskalender. Ihr wisst doch, bald ist Weihnachten und als Vorfreude dürft ihr jeden Tag ein Türchen öffnen.“ „Und was ist hinter den Türchen?“, fragte Fanni. „Schaut selbst nach, Kinder!“ Alle drei öffneten gleichzeitig das erste Türchen und freuten sich riesig über das Stück Schokolade. „Dürfen wir noch eins aufmachen?“, fragte Filo. Storchi schmunzelte und sagte: „Ihr dürft sogar noch vier weitere Türchen öffnen, weil heute schon der 5. Dezember ist. Ab morgen dürft ihr dann aber jeden Tag nur ein Weiteres öffnen.“ „Yippie!“, riefen die Kinder im Chor. „Der Adventskalender ist eine tolle Erfindung.“ „Die Schokolade wird aber erst nach dem Frühstück gegessen“, sagte Storchi noch, während sie schon auf dem Weg in die Küche war.

Nach einem ausgiebigen Frühstück und fünf Stückchen Schokolade gingen Filo, Fanni und Flori auf den Spielplatz ganz in der Nähe des Hauses. Zuerst spielten sie fangen, dann kletterten und hangelten sie so lange, bis Flori seinen Schwestern etwas zuflüsterte: „Habt ihr gehört, was der Junge zu dem Mädchen gesagt hat? Morgen kommt der Nikolaus.“ „Der Niko was?“, flüsterten Fanni und Filo zurück. Flori antwortete nicht, denn jetzt hörten alle gespannt zu, wie sich die Beiden über den Nikolaus unterhielten. Er soll einen langen Bart haben und ein rotes Gewand tragen. Außerdem hat er einen Sack mit kleinen Geschenken für die Kinder bei sich. „Ob er uns wohl auch etwas bringt?“ fragte Fanni. „Naja, ich weiß nicht, wir sind Flamingo-Störche“, entgegnete Flori. „Aber auch Kinder“, fügte Filo hinzu. „Wir sind Flamingo-Storch-Kinder. Ich denke schon, dass er auch zu uns kommt.“

Am Abend, als die Drei in ihrem Zimmer mit den Holzklötzen spielten, murmelte Fanni vor sich hin: „Hoffentlich weiß er, dass es uns gibt! Hoffentlich weiß er, dass es uns gibt!“ „Was murmelst du da?“, fragte Flori. „Wer soll unbedingt wissen, dass es uns gibt?“ „Na, der Nikolaus natürlich. Hast du ihn schon vergessen?“ „Du hast recht“, sagte Filo. „Woher soll er das wissen? Wir müssen die Sache selbst in den Flügel nehmen. Dank des Jungen vom Spielplatz wissen wir doch, dass es ihn gibt. Und wir wissen auch, dass er in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember die Geschenke zu den Kindern bringt. Last uns nach draußen gehen und ihn suchen?“ „Aber wir dürfen im Dunkeln doch nicht alleine nach draußen“, sagte Fanni ganz besorgt. „Davon muss doch niemand etwas mitkriegen“, entgegnete Flori. „Wir schleichen uns heimlich raus.“

Ganz vorsichtig kletterten die Flamingo-Storch-Kinder aus dem Fenster, dann gingen sie die Straße entlang und entfernten sich dabei immer mehr von den Häusern „Stopp!“, rief Filo. „Wir müssen in der Nähe der Häuser bleiben. Der Nikolaus bringt den Kindern die Geschenke doch nach Hause.“ Also drehten sie um und suchten in der Nähe der Häuser, doch vom Nikolaus war weit und breit keine Spur. „Ich hab´s!“, rief Flori. „Wir klettern auf das Dach da vorne. Von oben haben wir eine viel bessere Sicht.“ Die Flamingo-Storch-Kinder kletterten sogar bis auf den Schornstein, so hatten sie einen perfekten Blick auf die umliegenden Häuser. Die Zeit verging: 10 Minuten, 20 Minuten, eine halbe Stunde, eine Stunde. „Das kann doch nicht wahr sein!“, schimpfte Flori. „Wo bleibt denn der Nikolaus?“ Wahrscheinlich gibt es ihn gar nicht.”

Enttäuscht kletterten sie vom Dach herunter und gingen wieder nach Hause. Sie stiegen über das Fenster in ihr Zimmer und spielten mit den Holzklötzen weiter. Plötzlich ertönte ein lautes Ding Dong. „Kinder, kommt mal aus eurem Zimmer!“, rief Frido. „Wir haben Besuch.“ Sofort rannten die Drei zur Haustür und trauten ihren Augen nicht. Vor ihnen stand ein Mann mit einem langen, weißen Bart in einem roten Mantel. Auch einen großen Sack hatte er dabei. Die Flamingo-Storch-Kinder brachten keinen einzigen Ton heraus.

Frido zwinkerte dem Mann zu. Daraufhin gingen alle gemeinsam ins Wohnzimmer. „Bist du der Nikolaus?“ fragte Flori ganz aufgeregt. „Nein Kinder, ich bin nicht der echte Nikolaus, aber es ist mir eine große Ehre, ihn vertreten zu können. Ich bin Herr Swoboda, ein Lehrer der Schule unter der Iburg, daher kenne ich auch eure Eltern. „Hat der echte Nikolaus in diesem Jahr keine Zeit?“, fragte Fanni. „Nein, der echte Nikolaus ist schon sehr lange tot.“ In diesem Moment rollte Fanni eine dicke Träne über den Schnabel. „Dann werden wir ihn also nie kennenlernen?“, sagte sie traurig. „Ihr werdet seine Geschichte kennenlernen“, antwortete Herr Swoboda. Er wischte Fanni die Träne vom Schnabel und begann zu erzählen:

„Nikolaus lebte vor ungefähr 1700 Jahren. Das ist sehr lange her. Er wurde in eine sehr reiche Familie hineingeboren und wuchs in der Satdt Myra in der Türkei auf. Nachdem seine Eltern früh starben, erbte er das ganze Geld und war ein reicher Mann. Eines Abends schlenderte Nikolaus bei schönem Wetter durch Myra, bis er plötzlich an einem geöffneten Fenster stehen blieb. Er hörte, wie sich ein Vater mit seinen drei Töchtern unterhielt.“ „Hat der Vater seinen Töchtern eine Geschichte erzählt?“, fragte Filo. „Nein Kinder, es war ein sehr ernstes Gespräch. Jede der Töchter hatte einen Mann gefunden, den sie liebte und heiraten wollte.“ „Aber das ist doch etwas Wundervolles“, sagte Fanni. „Bei einem ernsten Gespräch hätte ich etwas anderes erwartet.“ „Es geht ja auch noch weiter“, erwiderte Herr Swoboda. „Die Töchter konnten nämlich nicht heiraten, weil die Familie sehr arm war.“ „Ohh nein!“, sagte Fanni. Sie konnten die jungen Männer, die sie liebten, nicht heiraten? Ok, jetzt hört es sich ernst an.“ „Genau Kinder, so ging es auch dem Nikolaus. Sofort lief er nach Hause, füllte einen Sack mit Geld und machte sich wieder auf den Weg zu der armen Familie. Er warf den Sack durch das geöffnete Fenster und rannte davon, weil er nicht erkannt werden wollte. Doch der Vater wollte unbedingt wissen, wer es war und schaffte es, Nikolaus einzuholen. So sprach es sich in ganz Myra rum, dass Nikolaus ein guter Mann war, der den Menschen gerne half und sich dabei selbst nicht in den Vordergrund stellte. Nach einiger Zeit wurde Nikolaus dann zum Bischof ernannt und kümmerte sich sein ganzes Leben lang um arme Menschen. „Ich habe eine Frage“, sagte Flori, „War das der 6. Dezember, als Nikolaus den Sack voller Geld durch das offene Fenster warf?“ „Nein, das war an einem Sommertag. Nikolaus ist am 6. Dezember gestorben. Und genau deshalb erinnern wir uns an diesem Tag jedes Jahr aufs Neue an ihn, damit seine Geschichte niemals vergessen wird.”

Daraufhin öffnete Herr Swoboda den Sack und gab den Kindern einen Schokoladennikolaus und ein Paar warme Socken für die Winterzeit. Auch für Frido und Storchi hatte er etwas dabei: Eine Flasche Glühwein und gebrannte Mandeln. Dankbar brachte die Flamingo-Storch-Familie den Nikolaus zur Haustür und verabschiedete sich.

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