26. Die Berufsreise

12. Februar 2021

„Storchi, wo bist du?“, rief Frido ganz laut. Doch er bekam keine Antwort. „Storchi…! Mmhhh, komisch“, dachte Frido. „Wo ist sie nur?“ Er durchsuchte das ganze Haus, doch sie war nirgendwo zu finden. Jetzt machte er sich Sorgen. Er schaute noch im Garten nach, aber auch dort war keine Spur von ihr. „Ob sie wohl auf ihrem Lieblingsstein im Birkenwald sitzt?“, begann Frido zu murmeln. „Das wäre aber kein gutes Zeichen, denn meistens fliegt sie dorthin, wenn es ihr nicht gut geht.“ Sofort kletterte Frido auf das Gartenhäuschen und setzte zum Flug an. Vor lauter Nervosität legte er kurz vor dem Wald eine Sturtzlandung hin. Humpelnd zwängte er sich durch dichte Sträucher, bis er vor einem großen Stein stand, auf dem Storchi saß. Sofort überreichte er ihr ihre Lieblingsblume, die er noch am Waldrand gepflückt hatte, um sie etwas aufzumuntern.

Er sah, dass sie grübelte und fragte besorgt: „Worüber denkst du nach?“ „Ach, ich habe lauter Ängste in meinem Kopf“, entgegnete Storchi. „Wie wird sich die Corona Situation im Jahr 2021 entwickeln? Jetzt kommen auch noch die Mutationen dazu! Und meinst du, dass wir in diesem Jahr wieder zurück in die Schule zu den Kindern können?“ „Ich kann deine Sorgen so gut verstehen“, entgegnete Frido mitfühlend, „aber ich spüre, dass alles gut werden wird. Und was die Schule angeht – naja, das hängt nicht nur von Corona ab, sondern auch davon, wie lange unsere Elternzeit geht. Wir müssen uns doch um unsere eigenen Kinder kümmern.“ „Was glaubst du denn, wie lange uns Filo, Fanni und Flori brauchen?“ „Ich weiß nicht, ab wann Flamingo-Störche selbstständig sind, aber ich denke, wir werden es spüren.” Storchi überlegte: „Und was hältst du davon, wenn wenigstens einer von uns die Elternzeit beendet und als Klassentier weiterarbeitet, sobald die Schulen wieder geöffnet sind. In diesem Moment wurde Frido sehr traurig und man sah, wie eine dicke Träne seinen Schnabel herunterrollte. „Wir machen doch immer alles zusammen. Ich kann es mir nicht ohne dich vorstellen“, schluchzte Frido. Jetzt wurde auch Storchi traurig und sagte mit sanfter Stimme: „Du hast ja recht, das kommt nicht in Frage. Es wäre tatsächlich nicht das Gleiche, aber wir könnten unsere Kinder auf das selbstständige Leben vorbereiten. Wir zeigen ihnen, welche Berufe man auf der Erde ausüben kann.“ „Da müssen wir ihnen doch nichts zeigen“, sagte Frido verwirrt. „Sie werden natürlich Klassentiere, genau wie wir!“ „Aber das geht so nicht!“, erwiderte Storchi empört. „Was ist, wenn sie gar nicht als Klassentier arbeiten möchten?“ Vielleicht können sie ihre Talente als Klassentier niemals zum Ausdruck bringen.“ „Du hast ja recht“, sagte Frido. „Ich weiß auch nicht, was ich da gerade von mir gegeben habe. Das Wichtigste ist doch, dass ihnen die Arbeit Freude macht.“ „Ganz genau! Und was ihnen Freude macht, sollen sie selbst herausfinden“, sagte Storchi. „Lass uns gemeinsam auf eine Berufsreise gehen!“ „Ja, das machen wir!“, freute sich Frido. „Das wird bestimmt ein Abenteuer.“

Sofort machten sie sich auf den Weg nach Hause, trommelten die Kinder zusammen und steuerten ihr erstes Ziel, eine Feuerwehrwache, an. Dort konnten die Kinder erleben, wie es sich anfühlt, als Feuerwehrtier zu arbeiten. Es war sehr aufregend.

Sie setzten ihre Reise fort, bis sie an einer Baustelle vorbeikamen. Das war die Gelegenheit zu erfahren, was es bedeutet, ein Bauarbeitertier zu sein.

Danach steuerte die Flamingo-Storch-Familie ein Krankenhaus an. Frido und Storchi wollten, dass ihre Kinder sehen, welche Arbeiten im Krankenhaus anfallen – für den Fall, dass sich jemand dazu entschließt, als Krankenhaustier zu arbeiten.

Weiter ging es zu ihrer Lieblingskonditorei. Da Frido für sein Leben gerne Kuchen isst, würde er sich sehr darüber freuen, wenn wenigstens eines der Flamingo-Storch-Kinder ein Konditortier wird. Die Chancen stehen gar nicht schlecht, denn die Drei konnten sich an den leckeren Torten nicht sattsehen.

Nun steuerten sie den Obst- und Gemüsebauer ihres Vertrauens an. Jetzt wussten die Kinder, was es heißt, sich um Pflanzen zu kümmern.

Sie verabschiedeten sich vom Bauer und besuchten ihren Künstlerfreund Leo. Während Frido mit Leo sprach, flüsterte Storchi den Kindern zu: „Überlegt euch das gut. Künstler sind meistens chaotisch und verrückt.“

Als sich die Flamingo-Storch-Familie von Leo verabschiedete und sich weiter auf den Weg machte, sprach Frido zu Storchi: „Was hältst du davon, wenn wir unseren Kindern zum Abschluss noch eine Universität zeigen? Vielleicht möchten sie ja auch ein Hörsaaltier werden!“ „Oh ja, das wird bestimmt spannend“, freute sich Storchi. „Was ist eine Universität?“, fragte Flori. „Ihr könnt es euch vorstellen, wie eine Schule“, entgegnete Frido. „Genau, es ist eine Schule für große Kinder“, plapperte Storchi dazwischen. Und was ist ein Hörsaal?“, fragte Fanni. „Ein Hörsaal ist sozusagen der Klassenraum für die großen Kinder.“

Nun standen sie vor dem Haupteingang der Universität. Sie öffneten die Tür und gingen einen langen Gang entlang. Am Ende des Gangs führte sie eine Treppe auf die erste Etage zu einem Schild mit der Aufschrift Hörsaal 1. Die Tür zum Hörsaal stand weit offen. Ganz leise gingen sie herein, da rief ihnen ein Professor, der hinter seiner Kanzel stand, mit aufgeregter Stimme zu:

„Ihr seid bestimmt die neuen Studenten? Ist das Corona endlich vorbei? Das wurde aber auch Zeit! Ich warte nämlich schon so lange darauf, meine neue Erkenntnis zu lehren.“ „Nein, nein! Corona ist noch nicht vorbei!“, sagte Frido. „Aber sehr gerne kannst du uns von deiner neuen Erkenntnis berichten.“ „Das ist mir eine große Ehre“, freute sich der Professor und begann zu reden: „Unser Thema ist die Anziehungskraft.“ „Das ist doch nichts Neues“, rief Storchi enttäuscht dazwischen. „Wir wissen doch schon längst, dass auf der Erde die Anziehungskraft gilt.“ „Aber wisst ihr auch, dass ihr mit euren Gedanken, Menschen, Situationen und Dinge in euer Leben ziehen könnt?“, fragte der Professor. „Erzähl uns bitte mehr von dieser Gedankenkraft“, entgegnete Storchi erstaunt. Der Professor atmete tief ein und wieder aus und sprach weiter: „Naja, genau genommen machen wir es alle schon immer, ohne es zu wissen. Die Umstände, die wir in unserem Leben vorfinden, haben wir mit unseren Gedanken in unser Leben gezogen. Wir haben sie sozusagen selbst erschaffen.“ „Heißt das etwa, dass wir auch all das, was uns unglücklich macht, in unser Leben gezogen haben?“, fragte Frido. „Ganz genau“, entgegnete der Professor. „Wir sind es gewohnt, andere für unglückliche Umstände verantwortlich zu machen, aber wir selbst sind Schöpfer unserer eigenen Realität.“ „Aber das bedeutet ja“, begann Storchi aufgeregt zu stottern, „dass wir uns nur noch Schönes in unser Leben ziehen können?“ „Stopp! Nicht so voreilig“, hakte Frido ein. Gibt es dafür irgendeine Formel, Herr Professor?“ „Es ist tatsächlich die einfachste Formel, die ich in meinem gesamten Forscherleben aufgestellt habe“, antwortete der Professor. „Sie beruht auf der Annahme, dass Gleiches, Gleiches anzieht.“ Dann drehte er sich zur Tafel und erklärte die Gleichungen:

„Aber das bedeutet ja, dass die ganze Welt ein Spiegel ist!“, sagte Storchi ganz erstaunt. „Ganz genau“, freute sich der Professor. „Du hast es verstanden. Die äußeren Umstände, die wir in unserem Leben vorfinden, sind sozusagen der Spiegel unseres Inneren. Und wie wir wissen, kann sich ein Spiegelbild verändern.“ „Aber das ist doch nur eine Annahme?“, sagte Frido. Wo ist der Beweis?“ „Es gibt für diese Annahme keinen allgemeingültigen Beweis. Es gibt nur viele einzelne Beweise. Und zwar so viele, wie es Menschen und Flamingo-Störche auf dieser Erde gibt. Das würde den Rahmen sprengen. Euch bleibt also nichts Anderes übrig, als es euch selbst zu beweisen.“ „Aber wie können wir es schaffen, unsere Gedanken zu verändern?“, fragte Storchi traurig. „Ich bin häufig in meinen Gedanken gefangen und sie sind auch immer wieder von Angst bestimmt.“ „Damit bist du nicht alleine“, entgegnete der Professor. „Das ist bei dem Großteil aller Menschen und Flamingo-Störche so. Aber genau darum geht es doch – dass man nicht mehr in seinen Gedanken gefangen ist, sondern sich über sie erhebt und es schafft, sie zu beobachten. Erst dann ist man dazu in der Lage, sie bewusst zu steuern.“ „Das klingt mir alles viel zu theoretisch“, sagte Frido. „Was können wir dafür tun? „Der Weg zu einem höheren Bewusstsein kann sehr unterschiedlich aussehen und tatsächlich ist es für jeden Einzelnen eine ganz eigene Reise“, erzählte der Professor. „Aber eines ist wichtig zu beachten: Wenn sich ängstliche Gedanken in liebevolle Gedanken verwandeln sollen, wird es nicht funktionieren, wenn ihr euch gegen die Angstgedanken wehrt und sie einfach nur weg haben wollt.” „Aber ich möchte diese Angstgedanken doch am liebsten einfach nur weg haben!”, entgegnete Storchi verzweifelt. „Das kann ich so gut verstehen”, sagte der Professor mitfühlend, „aber das Rezept liegt in der Annahme. Wenn du die ängstlichen Gedanken, die sich übrigens in deinen Gefühlen zeigen, annimmst und sie liebevoll umarmst, können sie nach und nach weniger werden. Sie wollen doch nur von dir gesehen werden.” ,,Aber Herr Professor, das ist doch alles nichts Handfestes!” sagte Frido skeptisch. “Wie soll man denn seine Gedanken und Gefühle umarmen? Wollen sie uns veräppeln” „Versucht es doch mal mit Yoga- und Meditationsübungen”, entgegnete der Professor. Auch das regelmäßige Spazierengehen in der Natur ist ein sehr einfaches und effektives Werkzeug.”

Nachdem die Flamingo-Storch-Familie das Universitätsgelände verließ, sagte Flori: „Ich werde kein Hörsaaltier. Nichts von dem, was der alte Mann gesagt hat, habe ich verstanden.” Daraufhin  schauten sich Frido und Storchi  an, sagten aber kein Wort. Sie spazierten weiter bis in den Birkenwald zu Storchis Lieblingsstein. Gemeinsam meditierten sie dort und machten ein paar Yoga-Übungen.

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