25. Silvester auf einem anderen Planeten

4. Januar 2021
Es war der Morgen des 31. Dezembers im Jahr 2020. „Du Frido, wie feiern wir eigentlich Silvester?“, fragte Storchi. „Naja, wir sind ganz schön spät dran mit unserer Planung“, entgegnete Frido, „aber wir dürfen uns doch eh nicht in großen Gruppen treffen und ein Feuerwerk wird es in diesem Jahr auch nicht geben.“ „Ich habe die Nase gestrichen voll!“, schimpfte Storchi. „Darf man überhaupt noch irgendetwas auf dieser Erde?“ „Ich hab´s!“, rief Frido ganz aufgeregt. „Was hältst du davon, wenn wir unseren Freund, den kleinen Prinzen, besuchen? Er wohnt ganz allein auf seinem kleinen Planeten. Dort gelten keine Corona Regeln und wir können unser eigenes Silvester, ganz nach unseren Vorstellungen feiern.“ „Au jaaa, das machen wir!“, jubelte Storchi. „Wir haben unseren Freund auch seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“ Doch dann wurde sie plötzlich sehr nachdenklich. „Was grübelst du?“ fragte Frido. „Naja, ich weiß nicht, ob das so verantwortungsvoll ist. Nicht, dass wir das Corona Virus noch auf einen anderen Planeten bringen. Dort lebt zwar nur der kleine Prinz, aber trotzdem.“ Frido nickte zustimmend: „Ja, du hast recht! Und ganz allein ist er ja auch nicht. Er lebt doch mit seiner Rose dort, die er über alles liebt.“ „Dann also doch ein Corona – Silvester auf der Erde“, murmelte Storchi ganz traurig. „Nein, nein, so schnell geben wir unsere Pläne nicht auf!“, rief Frido entschlossen. „Es gibt doch die Corona-Schnelltests.“ Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da griff er schon zum Telefon und rief Stefan den Strauß an, der bei einem Arzt als Praxistier arbeitete. Sofort konnte er für die ganze Familie fünf Schnelltests abholen. Zum Glück waren alle Tests negativ. Der Reise zum kleinen Prinzen stand also nichts mehr im Wege. Jetzt musste es ganz schnell gehen. Sie schnappten sich einen Korb und packten die verschiedensten Dinge hinein: Picknickdecke, belegte Schnittchen, Chips, selbstgemachte Schokoriegel, Sekt, Saft und was auch nicht fehlen durfte, waren die übrig gebliebenen Raketen vom letzten Jahr für ein kleines Feuerwerk.

Als sich die Flamingo-Storch-Familie im Garten zum Abflug versammelte, bekam Frido plötzlich weiche Knie. „Kannst du den Flug übernehmen, Liebling? Ich habe meine Angst zwar überwunden, aber auf einen anderen Planeten zu fliegen, dafür bin ich noch nicht bereit.“ „Es macht eigentlich keinen Unterschied“, sagte Storchi, „nur, dass du die ganz Zeit darauf achten musst, an Höhe zu gewinnen.” „Eben das ist es ja! Ich bin ein Flamingo und keine Rakete, dafür habe ich noch nicht genügend Kraft in meinen Flügeln.“ „Puuhh, das wird aber auch für mich keine einfache Übung, wenn du und die Kinder auf meinem Rücken sitzen.“
Trotz aller Bedenken meisterte Storchi den Abflug einwandfrei. Lange blieb es jedoch nicht ohne Turbulenzen. „Was treibt ihr da?“, rief Storchi ganz aufgeregt. Frido, der kurz eingenickt war, schreckte auf und sah, welchen Blödsinn die Kinder veranstalteten.“ Flori machte Balancierübungen auf Storchis ausgestreckten Beinen, Filo kletterte auf Fridos Kopf und Fanni setzte sich gemütlich auf Storchis Schnabel.

„Kommt wieder zurück auf meinen Rücken!“ rief Frido ganz aufgeregt. „So kann eure Mama nicht an Höhe gewinnen!“ Doch sie hörten nicht auf damit. Erst als Frido laut schimpfte, kletterten sie wieder zurück.
Nach rund fünf Stunden erreichten sie den Planeten des kleinen Prinzen. Es war eine braune, mit Gras bewachsene und Steinen bedeckte Kugel. „Frido und Storchi?“, rief der kleine Prinz verwundert. „Was führt euch denn zu mir? Und wen habt ihr da noch mitgebracht?“ So lernte der kleine Prinz die Flamingo-Storch-Kinder Filo, Fanni und Flori kennen. „Wir wollen mit dir Silvester feiern!“, riefen Frido und Storchi im Chor. „Sil – was?“ fragte der kleine Prinz. „Davon habe ich noch nie etwas mitbekommen, obwohl ich von hier oben eine gute Sicht auf die Erde habe.“ „Silvester feiert man einmal im Jahr“, begann Frido zu erklären, „und zwar immer am 31. Dezember, das ist der letzte Tag des Jahres.“ „Genau, und am 1. Januar beginnt das Ganze dann wieder von vorne“, plapperte Storchi dazwischen. „Ach stimmt ja“, erinnerte sich der kleine Prinz. „Ihr habt ja die Zeit auf der Erde. Auf meinem Planeten gibt es so etwas wie Zeit nicht. Ich lebe immer im JETZT.“ „Dann würde ich sagen“, grinste Storchi, „verbinden wir doch das Leben im Jetzt mit dem Leben in der Zeit.“ Au jaaa, das wird bestimmt ein Abenteuer!“, freute sich der kleine Prinz.

So holten sie all die Leckereien aus dem Korb und machten es sich gemütlich. Es gefiel dem kleinen Prinzen, Chips und Schokolade zu essen, denn normalerweise aß er immer nur Kartoffeln.

Um kurz vor Mitternacht holte Frido die Raketen aus dem Korb und bereitete das Feuerwerk vor. Als er die erste Rakete zündete und sich kurze Zeit später ein Leuchtfeuer am Himmel zeigte, kam der kleine Prinz aus dem Staunen nicht mehr heraus. So etwas Schönes, außer seiner Rose natürlich, hatte er noch nie zuvor gesehen.

Nach dem Feuerwerk kuschelten sich Filo, Fanni und Flori aneinander und schliefen tief und fest ein. Frido, Storchi und der kleine Prinz saßen noch zusammen und schauten in die Ferne. „Das letzte Mal, als wir uns sahen“, sprach Frido zum kleinen Prinzen, „hast du uns ein Geheimnis anvertraut.“ „Ja genau“, sagte Storchi. „Nur es ist so lange her, dass wir uns nicht mehr daran erinnern können.“ „Nun gut, es ist eigentlich ganz einfach“, sagte der kleine Prinz. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ „Ich verstehe es nicht so ganz“ sagte Storchi. „Könntest du das Geheimnis vielleicht so erklären, dass wir es uns für immer merken können?“ Daraufhin schloss der kleine Prinz seine Augen und begann langsam zu sprechen: „Dieses Geheimnis will uns sagen, dass die Dinge nicht immer so sind, wie wir sie mit unseren Augen sehen. Es gibt da noch etwas Anderes, tief in unserem Inneren, das uns dabei hilft, zu sehen, wie die Dinge wirklich sind. Das bedeutet es, mit dem Herzen zu sehen.“ „Für mich hört sich das immer noch so an, als wenn ich das bald wieder vergessen habe“, sagte Frido. „Wie soll das funktionieren?“ „Besser kann ich es euch leider nicht erklären, denn wie es genau funktioniert, darf jeder für sich selbst herausfinden. Eines ist vielleicht noch wichtig: Mit dem Herzen zu sehen, kostet manchmal Mut und es braucht Übung, weil wir es nicht gewohnt sind. Man muss es immer und immer wieder versuchen, bis man irgendwann sein Herz ganz automatisch zum Sehen mitbenutzt. Doch diese Übung lohnt sich.

Am Neujahrstag, als sich die Flamingo-Storch-Familie zum Abflug bereit machte, wurde Storchi plötzlich ganz nervös. „Was ist, wenn die Kinder während des Flugs wieder Blödsinn machen?“ „Mmhhh, was können wir nur machen, damit das nicht passiert?“, überlegte Frido, da schaltete sich der kleine Prinz ein: „Setzt eure Flamingo-Störche einfach in den Korb, dieser ist doch jetzt fast leer.“ „Oh ja, so machen wir es“, entgegnete Storchi. „Manchmal sind die Lösungen so einfach, man muss nur Lernen, sie zu sehen.“

In dieser Geschichte besuchen Frido und Storchi den kleinen Prinzen.
Bilder und Inhalte sind angelehnt an: Saint-Exupéry, Antoine (2016), Der kleine Prinz, 23. Aufl., Düsseldorf, Karl Rauch Verlag

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